Venezuela

Elke Gehrmann reiste quer durchs Land der Extreme

Venezuela ist ein Land der Extreme. Kein anderes Land kann an Vielfalt der Landschaften mithalten. Es gibt allein 4 verschiedene Klimazonen. Von der Karibik über die Gran Sabana in die Anden und die Llanos. Ein Großteil der Fläche Venezuelas ist Nationalpark. Venezuela ist für Alle, die Abenteuer und Entspannung fernab des Massentourismus suchen oder einfach nur Sehnsucht nach viel Wind haben.

Die extrem hohe Windstatistik von El Yaque im April war der Hauptgrund, der Venezuela zu meinem Reiseziel machte. Nachdem ich ein wenig Reiseliteratur durchstöbert hatte, war klar, dass dieses Land für einen reinen Surfurlaub viel zu schade ist. Aus geplanten 3 Wochen Backpacking plus 2 Wochen El Yaque wurden 4 Wochen Backpacking, weil uns die Windstatistik im Stich ließ.

 

Vom Flughafen ging es per Bus über Ciud ad Bolivar nach St. Elena im Süden des Landes. Die Busse werden zum Teil auf unter 10°C runtergekühlt. Daher gehört unbedingt Mütze und dicke Jacke ins Reisegepäck! Ohne einen Tag zu verschnaufen, starteten wir eine sechstägige Trekkingtour auf den höchsten Tafelberg der Welt, den Roraima. Der Name bedeutet “Mutter aller Wasser” auf Pémon, der Sprache der Ureinwohner. Das schien mir ein gutes Zeichen zu sein. Den Schwierigkeitsgrad 5 von 5 dieser Tour nahm ich nicht ernst. Schließlich mache ich in Deutschland sehr viel Sport. Wow, das war vielleicht ein Irrtum. Ich hatte den Eindruck, jeden Tag zwei Marathons hinter mich zu bringen. Immer bergauf oder bergab. Das machte knackige Beine und ließ die Pfunde purzeln. Wir wurden sportlich an unsere Grenzen getrieben. Es ging zunächst durch die Gran Sabana (bis zu 40°C). Wir schützten uns mit Cappi, langen Ärmeln und Hosen sowie 50er Sonnencreme gegen die krasse Sonne. Die Mücken wehrten wir wie die Einheimischen ab. Einfach Vitamin B12 aus der Apotheke unter die Sonnencreme/After Sun mischen. 

 

Auf dem Plateau ist das Leben endemisch von der Außenwelt abgeriegelt. Dort sieht man die Welt so, wie sie schon vor Millionen Jahren existierte. Alle Tiere und Pflanzen sind lebende Fossilien, die zu einem großen Teil nur noch dort existieren. Auf dem Rückweg durch den Urwald traf ich auf die gefährlichste Schlange meines ganzen Lebens. Sie war keine 20 cm von meinem Oberarm entfernt. "Mapanare" fordern die meisten menschlichen Todesopfer aller in ganz Amerika lebenden Reptilien. Ein Biss wäre der sichere Tod gewesen. Ooops!

 

Nach einem Tag Pause, machten wir drei Mädels uns auf eigene Faust durch die Gran Sabana parallel der brasilianischen Grenze entlang. Bei der Tour haben wir uns dann sportlich wirklich übernommen und mussten Streckenweise per Anhalter fahren. Dies machte das ganze allerdings zu einem so einzigartigen Erlebnis, dass die Anstrengung schon fast wieder vergessen war. Wir trafen eine Gruppe venezolanischer Jugendlicher, die uns mit auf einen Campingplatz in dem Aussteigerdort El Pauji am „Ende der Welt“ nahm. Den Abend wurde gemeinsam gegrillt und gefeiert. Am nächsten Tag ging es in extremst einsamer Gegend an wunderschönen Wasserfällen vorbei zu einer Posada (Hostel). Von der aus erreicht man eine Abruchkante der Gran Sabana zu Fuß. 

 

Dahinter erblickt man die unendliche Weite des Amazonas Regenwaldes. Der perfekte Ort für unser Frühstück. Wir lauschten der beeindruckenden Geräuschkulisse des Urwalds. Die Idylle wurde lediglich vom Besuch faszinierende Vögel und 3-4 cm großen Hummeln gestört. In Deutschland sind Hummeln ja nicht agressiv, oder wie war das? Per Anhalter ging es auf der Ladefläche eines LKWs nach St. Elena zurück. Der Straßenstaub ließ uns alle knackenbraun aussehen. Als wir die Sonnenbrille bei Ankunft abnahmen, gab es großes Gelächter. Der weiße Streifen im Gesicht machte uns zu Waschbären!

 

Nach ein paar Tagen Pause in der gastfreundlichen Posada Backpackers unter deutsch-venezolanischer Leitung, ging es in einem privaten Ausflug mit der Führerin des Roraima Treks ins Delta de Orinoco, dem Mündungsdelta des zweitgrößten Flusses Südamerikas.

 

Das Wasser ist voller Piranhas und Caimane (2-3 Meter lange Krokodile). Außerdem gibt es Süßwasserdelfine, etliche Schlangensorten und wunderschöne Vögel: Papageien, Tucane oder Ibisse. Durch die private Tour unserer einheimischen Führerin lernten wir viele Ureinwohner des Deltas kennen. Eine eher schockierende Erfahrung. Die Lebensbedingungen dort sind furchtbar. Mit 12 Jahren das erste Kind, mit 17 sieht man aus wie 50 und mit ca. 34 ist das Leben zu Ende. Ursachen sind schlechte Bildung und das dreckige Flusswasser.

 

Auf einer Nachttour fing einer der Guias einen Babycaiman. Meine beiden mitreisenden Mädels machten sich sofort berechtigte Sorgen, was wohl die Mutter davon hält. Plötzlich drückte mir der Guia das Krokodil in die Hand. „Hier halt mal“, ich dachte, er macht Witze. Als ich den kleinen Caiman in der Hand hatte, kam nur: „Das ist gut! Ich muss eben meine Wunde versorgen. Es hat mich gebissen.“ Ahhh! Uns hat es zum Glück verschont. Wir haben es ein Stückchen weiter wieder ausgesetzt.

 

Am nächsten Tag bot uns unsere Guia Palmenkäfermaden zum Verzehr an. Der Geschmack war wirklich sehr gut. Ich ziehe es jedoch vor, dass sich mein Essen im Mund nicht mehr bewegt!

El Yaque

Auf dieses Abenteuer folgten ein paar entspannte Tage in El Yaque. Die Athomsphäre dort ist ein Traum. Durch die extrem hohen Wasser- und Lufttemperaturen ist der Spot ideal, um Windsurfen neu zu erlernen oder an neuen Tricks zu basteln. Steffi machte ihre allerersten Gehversuche mit Brett und Segel. Schon in der ersten Stunde stand sie die ersten Wenden. Kleine Nachteile des Spots sind eine recht starke Kabbelwelle und gelegentlich kann es boeig sein. 

 
Mädels würde ich daher unbedingt empfehlen eigenes Material mitzubringen. Das Verleihangebot an Fanatic/North (Planet Allsports) und JP/Neil Pryde (Campello) Material ist groß. In der Hauptsaison ist eine Reservierung zu empfehlen. Die Happy Hour ab 17 Uhr in der Strandbar ist gefährlich! Statt einem Cocktail zum halben Preis gibt es 2 für den Preis von einem. Oops, auf einmal saßen wir zu dritt vor 6 Cocktails. Der Geschmack war schon fast nicht mehr von dieser Welt! Ich habe noch nie so leckere Cocktails getrunken! Nur der schwächelnde Wind konnte uns aus diesem wunderschönen Ort vertreiben. Ohne Wind ist es einfach zu heiß.
 
Wir fuhren per Fähre und Bus nach Mérida ans andere Ende des Landes. Dort ist der Ausgangspunkt für Touren in die Llanos, eine extrem flache Landschaft, in der wir Tiere wie Caimane, Wasserschweine, Marabus, Papageien, Kanarienvögel, Leguane und als Highlight Ameisenbären zu Gesicht bekamen. Zum Abendessen gab es selbstgefischte Piranhas. Darüber hinaus fingen wir eine Anaconda ein, um sie uns um den Hals zu legen und danach natürlich wieder frei zu lassen. Wow, was für eine Erfahrung. 
Durch starke Regenfälle wurde dann noch die Straße zurück nach Mérida verschüttet, was den Weg nach Caracas unerwartet spannend werden ließ. Vor allem die ausführliche Drogenkontrolle der Polizei mitten in der Nacht (die meisten Morde die in Venezuela passieren werden von Polizisten begangen). Nach der ungewollten Spannung und 50 Stunden (!) Reise kam ich völlig erschöpft wieder in Hamburg an. Es ist einfach unglaublich, welche Erinnerungen man von dieser Reise mitbringt. Es war ein echtes Venezuela Abenteuer!