Almerimar 2011

Meine erste Reise nach Spanien

Die Vorfreude auf Almerimar, der Stadt an der südspanischen Mittelmeerküste, war enorm groß. Zumal der heftige Winter hierzulande und eine Verletzung meinerseits den dreiwöchigen Urlaub und Saisonauftakt ab Mitte März zeitlich perfekt gestalteten. Jedoch hätte ich niemals gedacht, mich prompt in den Ort und seine Menschen zu verlieben. Aber genau das war es, was mir in meinem ersten Spanien Urlaub passiert war.

Der Roadtrip nach Almerimar / El Ejido war viel mehr als eine geographische Reise durch Europa. Samstag um sieben Uhr morgens bei innen gefrorener Frontscheibe in Preetz (bei Kiel) gestartet, sammelten Magnus und ich zunächst unseren Mitfahrer Martin in Hamburg auf. Bereits am Spätnachmittag schnupperten wir in Freiburg herrlichste Frühlingsluft. Der Regen war ein Wegbegleiter, dessen Anwesenheit mit dem Gedanken an Südspanien leicht zu ertragen war. Sternchen (mein Bus) düste in einer Nacht durch ganz Frankreich. In der Cote d´Azur zierten Zypressen, die vom Morgennebel eingehüllt waren, den Straßenrand und erweckten erste Urlaubsgefühle. Emotional war meine erste Reise nach Spanien ohnehin. Viele Eindrücke sind nicht mit Worten fassbar. So war der majestätische Anblick der Pyrenäen beim Überqueren der Grenze zwischen Frankreich und Spanien als echte plattdeutsche Dirn schon respekteinflößend. Ich hatte vor Reisebeginn immer gedacht, meine Höhenangst würde sich mir in den Weg stellen. Aber angesichts des Erfassens der eigenen Trivialität vor den schönen großen Gebirgsketten entlang der gesamten Reiseroute, war ich froh, diese Naturgewalten erleben zu dürfen.

Die Landschaft, die durchs Autofenster vorbei streift, löst etwas in einem aus. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass die Menschen sehr arm sein müssen. Barcelona ist eine große stolze Stadt. Aber nachdem man die grünen Hänge und Neubauten hinter sich gelassen hat, beginnt die Landschaft mehr und mehr einer Wüste zu gleichen. Es wird karger und trockener. Das Landesinnere, welches man entlang der A 7 passiert, ist erschreckend, fast abschreckend. Die vielen kleinen Olivenbäumchen stehen auf trockenem sandigem Boden. Städte, deren Fassaden von den Felshängen wie verlassen und vorwurfsvoll auf die Autobahn starren, wirken wie eine Drohgebärde auf mich. Und bedrohlich ist auch die hohe Straßenkriminalität, vor der ich noch am Vormittag telefonisch gewarnt werde. Kurz vor Alicante sehe ich Straßenkinder, die zu lauter Musik tanzen und  abhängen. Ich beschließe hier keine Rast zu machen. Schäme mich dafür. Doch bin zugleich froh. Die Gruppe  dieser vielen Jugendlicher trifft sich hinter Hochhäusern auf einem fabrikähnlichen Gelände, das direkt an der Autobahn liegt. Ich bin schockiert und berührt. Schon die Häuser brüllen die Armut aus sich heraus.

Dennoch bleibt die Frage: Geht es den Menschen hier schlecht? Wegen herunter gekommener Bauten und Häuser sowie der kargen Landschaft? Ich sah auf meiner Reise viele Familien, die vor ihren bezaubernden Finkas auf den Verandas oder im Garten zusammen saßen. Ich sah einen großen Volkswandertag, der Zusammengehörigkeit, Glauben, Freude und die Verbundenheit mit dieser Natur zum Ausdruck brachte. Und ich blicke in die Landschaft, in die eindrucksvolle Kulisse vor den erhabenen Gebirgen – Spanien fesselt. Ich spüre Zufriedenheit. Ich blicke in die Gesichter dieser Menschen hier und sehe Stolz. Das Meer strahlt azurblau und öffnet den Geist.

Schon nach den ersten Tagen in Almerimar, habe ich mich in die Menschen hier verliebt. Unsere Ferienwohnung liegt sehr zentral in Nähe des Zentrums und idyllisch maritim am Yachthafen des Ortes. Jeden Morgen treffe ich beim Spaziergang mit Magnus einen spanischen Müllmann, der sich täglich Zeit für einen Small-Talk nimmt. Und das ist an sich schon ein Abenteuer, da ich nur wenig Spanisch spreche (dank zweier Spanisch-Grundkurse). Dennoch verstehe ich, dass er einst ein erfolgreicher Radsportler war und nun beim Müll gelandet ist. Auch unsere Nachbarin spricht mich freundlich auf der Straße an, weil ihre Hündin "Luna" immer so viel bellt und sie begeistert von Magnus ist, weil der darauf gar nicht reagiert. Egal, wo man hin schaut, die Menschen sind herzlich, persönlich und überhaupt nicht oberflächlich. Sie freuen sich über ein Lächeln, einen lieben Gruß und versuchen, Dich kennen zu lernen. Und das steht in einem solchen Kontrast zu dem Land, aus dem ich komme. Ein Land, in dem die soziale Gesellschaft längst unter Leistungsdruck und fadenscheinigen Statussymbolen begraben liegt.

 

Einige Deutsche sind hier sesshaft geworden. Martin, der das Fosil, eine Cocktailbar, betreibt oder Roberto, der mir die Immobilie vermittelt hat. Auch Jens alias "Cabronsky" ist ein südspanisches Urgestein. Er lebt hier in seinem WoMo mit seinem Hund "Chulo". Jens ist ehemaliger Windsurfer, Kiter und hat mittlerweile das SUP für sich entdeckt. Er ist 68 Jahre alt, was man weder an seinem Surfstil noch an seiner Wortgewandtheit merkt. Ein paar freche Kommentare erntet man schon. Dafür ist Jens ein ernstzunehmender Kritiker. Er kann nicht nur das Mittelmeer hier lesen, sondern hat stets die besten Windsurfer vor seiner Nase. Beispielsweise Victor Fernandez Lopez, der amtierende Waveriding-Weltmeister mit der Segelnummer E-42 (die hier mit Stolz an fast jedem Surfer-Auto klebt), der ebenfalls in Almerimar zu Hause ist.

Für die gute Kinderstube des Weltmeisters sorgen der Poniente und Levante Wind. Kräftige Wellen gibt´s bei Poniente (Wind von rechts). Der Shorebreak ist nur etwas für  Geübte. Die Locals beeindrucken mit Backis und Frontis, die sie wie auf Schienen in den Himmel ziehen oder ihren unverwechselbaren spielerischen Wellenritten. Hier wird gezaubert. Wer etwas lernen und weiter kommen will, muss nach Almerimar. Überfüllung gibt´s nicht. Seinen Respekt muss man sich jedoch bei den Einheimischen verdienen. Ich erlebe sie sehr nett und hilfsbereit. Ich grüße ja auch immer mit einem überglücklichen Lächeln alle, die mir begegnen. Der Windsurfing Club Mar  Azul ist mitten in der Bahía San Miguel und täglicher Anlaufpunkt der hiesigen Windsurfer. Der Spot funktioniert super bei Levante oder bei Poniente, wobei dann ein heftiger Shorebreak entsteht, daher bietet sich bei Poniente auch der Club de Playa (Hafeneinfahrt) zum Windsurfen an. Bei Flaute haben wir uns herrlichst mit den Spaniern auf dem Beachvolleyballfeld am Club gebattelt.

 

Beim Wellenreiten am Club de Playa waren die Locals sogar so nett, dass sie mir als Anfängerin auf meiner Betty jede Menge Tipps gaben und mich anfeuerten, eine Welle zu nehmen. "Du musst die Wellen einfach nehmen, wenn Du sie kriegen kannst", meint Manolo Morales am Strand zu mir. "Das ist lieb gemeint, aber ich will Euch Einheimischen guten Surfern doch nicht die Wellen klauen. Daher warte ich bis Ihr alle eine hattet", erwidere ich. Manolo erklärt mir, dass das kein Problem für die Jungs sei. Im Gegenteil, als Mädel wird man hier unterstützt. Mal ehrlich, was für ein Mekka! Die Jungs waren wirklich ohne Ausnahme hilfsbereit. Vom richtigen Paddeln, dem perfekten Weg durch den Swell bis zum Take-Off - ich fühlte mich zugehörig wie zu Hause.

Surf am Club de Playa
Surf am Club de Playa

Im Grunde genommen, fühlte ich mich sogar besser als zu Hause. Denn hier schaut auch beim Windsurfen Niemand schräg, wenn man neue Moves probiert. Im Gegenteil, dadurch fühlen sich sogar Locals angespornt, selbst neues zu versuchen. Lachen und Lästern über Übende gibt´s nicht. Und selbst über meine ersten Cut Backs in Babyschaumwellen lachte keiner. Zwei Tage gab´s Levante für 3,4. Die Wellen waren freundlich. Bis zwei Meter hoch. Bei Poniente wäre es krasser gewesen. Aber so freuten Caro, Claudius und ich uns über tolle Sprungschanzen. Und ich freute mich ganz besonders, weil ich endlich meine neuen Goya Segel einfahren konnte. Aufgrund ihres genialen Handlings schenkten sie mir viele schöne Stunden auf dem Wasser. Christian Ramusch (Loft Sails), Kärntner, der fast das ganze Jahr in Almerimar lebt, gab uns jede Menge Tipps und brüllte häufiger mal das Wort "Vollgas" aus sich heraus, wenn er an uns vorbei düste und einen Pushloop zelebrierte. Und es half, wir machten tolle Fortschritte.

Caro und Claudius am Culoperro
Caro und Claudius am Culoperro

Ein Traumziel in der Region ist Los Genoveses. Eine traumhafte Bucht inmitten eines Naturparks: Algarven, riesige Kakteen, Felswände mit Höhlen vor einem Riff mit unberührtem Strand. Los Genoveses ist bei den Surfern jedoch nicht nur wegen der fesselnden Landschaft interessant. Bei Levante gibt es hier dicken Swell. Christian glaubte, uns an einem dieser Tage nach Genoveses entführen zu können. Beim Cocktailabend erklärte er uns immer wieder, wie wir dort richtig starten, weil die Problematik darin bestünde, in der Bucht mit Windabdeckung gegen die masthohen Wellen raus zu kommen. Da wir schon hörten, dass selbst die besten Windsurfer mehrere Anläufe brauchen, um raus zu kommen und die Wellen einen dort derbe durch spülen, beschlossen wir, lieber am Culoperro Windsurfen zu gehen.

Christian Ramusch @ Los Genoveses
Christian Ramusch @ Los Genoveses

Jedoch blieb der Wind ohnehin aus und so hatte ich Zeit, im schönen Surfshop von José Fernandez ausgiebig zu shoppen. Der süße Laden ist für Surferinnen wie ein Bermuda Dreieck, weil es unendlich viele schöne Sachen (viel Roxy) gibt. José ist unglaublich gastfreundlich und schnell kommt man ins Gespräch über den bevorstehenden Wind oder die letzte Session. Und da muss ich sagen: Wow! Was für ein genialer Windsurfer. José kann die Wellen abreiten, wie kaum ein anderer auf dem Wasser - am Tag mit 40 Knoten hat er ständig Wave 360er in die Wellen geschlitzt. Alleine das Zuschauen hat unglaublich viel Freude gemacht. Wie der Vater, so der Sohn, kann man da guten Gewissens behaupten.

 

An den Tagen ohne Wind, das war im Schnitt jeder zweite Tag (gute Windausbeute), beschäftigten wir uns mit Yoga, dem Kopfstand, Longboard fahren, viel Theorie, chillen, lesen, sonnen und zu sich selbst finden. Die Abende waren reich an Tapas, Pizza, Tinte de Verano und viel Pacharán - das gepaart mit Erzählungen von Freunden und viel Lachen. Danke für die vielen unvergesslichen Momente, Christian, Jens, Veronica, Caro, Claudius, Peer, Martin und alle anderen.

 

Spanien verabschiedete sich lieb reizend von mir. Den letzten Wind hat es mir vergönnt. Ich hatte das ein oder andere angefangen und konnte es nicht zum krönenden Abschluss bringen. Dafür lag der süße blumige Duft der großen Orangenbäumchen-Felder in der Luft. Mein Blick auf der Rückfahrt war ein anderer als noch der der Hinfahrt. Plötzlich erschien mir nichts mehr arm oder karg zu sein. Spanien füllte sich mir mit Leben mit Abenteuern, mit Liebe und Reichtum. Hasta Luego Espana, ich komme wieder. 

 

Autorin: Nadine Lenschau

Fotos: Nadine Lenschau, Claudius Hofbauer, Caro Weber