Straße von Calais

5 Tage Windsurfaction von Wissant bis Boulogne-sur-Mer

839 Kilometer von Kiel nach Calais / Frankreich sollten locker innerhalb eines Tages zu schaffen sein. Schließlich düsen viele rasch da runter, um die Fähre oder den Euro-Tunnel nach England zu nutzen. Wären da nicht gerade zahlreiche Baustellen in Hamburg und Bremen. Und wäre da nicht Antwerpen zur Rush Hour gewesen ;)

Wir teilten uns die Anreise nach Wissant, was 20 Min von Calais entfernt ist, in zwei Etappen auf, da wir schon bis nach Kempen an der holländischen Grenze 8 Stunden unterwegs waren. Mit einem Welpen an Board, wollten wir nix überstrapazieren, waren nach zahlreichen Staus allerdings auch geschafft. Der tolle Empfang in Frankreich entschädigte dafür unsere Strapazen. Wir wurden von traumhaften Bedingungen im sonnigen Wissant begrüßt und waren insgesamt 5 von 7 Urlaubstagen Windsurfen.

 

Die Vorhersage für Wissant war blendend, aber wir wollten uns nicht zu früh freuen. Erfahrungen aus der Bretagne haben uns gelehrt, dass es oft nicht ankommt, aber hier hat der Ärmelkanal gehalten, was er versprach und die Bucht zwischen dem Cap Blanc-Nez und Cap Gris-Nez haben als schöne Winddüse funktioniert. Die Rückfront des Tiefs, das zu Hause für saftige Regenfälle und Gewitter sorgte, bescherte uns hier strahlenden Sonnenschein und am Ankunftstag Wind fürs 4,2 – 4,7er mit 78 l für meinen Freund. Ich muss ja noch zuschauen, was bei einem solchen Anblick echt schwer fällt. Eine zu schöne Urlaubsbegrüßung...

 

Auch die nächsten Tage ballerte der Wind besser als vorhergesagt für kleinste Segel aufm Wasser (angenageltes 3,7er für meinen Freund). Die Wellen waren logohoch, machten aber schnell zu. Nicht unbedingt Down-the-Line Bedingungen. Trotzdem ein Genuss: 5 Tage in dicken Wellen sind eben 5 Tage in dicken Wellen ;)

 

Wissant macht einen guten Eindruck. Optimal bei Südwest, einfacher Einstieg ohne Steine oder krassen Shorebreak. Einziges Manko ist die zum Teil nicht unerhebliche Strömung. Daher sah man auch Profis (es lief gerade ein Wave Contest) durchaus beim Höhelaufen am Strand. Bei Ebbe ist es einfacher für Wave-Einsteiger. Bei Flut sind die Wellen am größten. Zudem muss man bei Flut auf Dünenschutzpfähle und einige Felsen im linken Teil der Bucht achten.

 

Manko: Es gibt ein kleines Parkproblem. Denn am Spot ist mittlerweile Parken für Wohnmobile vor den Häusern an der Promenade verboten. WoMo-Fahrer müssen sogar auf den Campingplatz oder WoMo Stellplatz am Ortseingang ausweichen. Daher wäre ich auch mit größeren Bussen vorsichtig und würde dazu raten eher eine der Nebenstrassen zum Parken zu nutzen und lieber länger zu tragen. Eine öffentliche Toilette konnte ich auch nicht finden. Dafür gibt es jede Menge kleine Lokale mit Strandblick an der Promenade.

 

Zum Wellenreiten und SUP Surfen sind wir ans Cap Gris-Nez ausgewichen. Bei Südwest laufen die Wellen hier geordnet um das Fels-Cap, verlieren allerdings auch etwas an Kraft. Bei Mid-Tide am besten. Dies ist jedoch kein Anfänger Spot, da man quasi auf einem Felsriff surft. Der Strand ist winzig klein und bei Flut nicht mehr vorhanden. Es gibt zwar eine „Lift-Strömung“ an der Felswandseite. Trotzdem zieht es auch schnell gen Felsen und um den rechten Felsvorsprung, so dass man schon ordentlich paddeln muss. Hinzu kommt noch, dass die Wellen eher nach links brechen und man ohnehin ständig auf die Felsen zu surft. Wer mag, kann nach dem Surf auch im anliegenden Restaurant „La Sirene“ mit Meeresblick essen gehen.

 

Zum Stand Up Paddling waren wir bei abnehmenden Swell und null Wind in der Bucht bei Tardinghen an einem der schönsten Plätzchen. Denn die Landschaft entlang der Route du Chåtelet ist einfach ein Traum. Man überblickt die Felder und Wiesen, die kleine Kirche und die ganze Bucht zwischen den zwei Caps. Auch hier sind WoMo´s verboten. Der Parkplatz ist höhenbeschränkt.

 

Empfehlenswert ist das Atlantikwallmuseum „Batterie Todt“ beim Cap Gris-Nez, das sich in einem alten deutschen Bunker befindet. Ein Museum, das mit vielen Requisiten die Besatzungszeit dokumentiert. Insbesondere bei der Anzahl der Bunker und Bunkerreste, die man hier in der Landschaft sieht, war es für uns ein Muss, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Irgendwie war es für mich dennoch ein bedrückendes Gefühl zu sehen, wie schrecklich es damals war. Umso schöner ist es heute in einem offenen freien Europa leben zu können. Und meine Bewunderung für die gastfreundlichen Franzosen, die uns stets herzlich begegnen, ist wieder um einiges gewachsen.

 

Ohnehin können wir die Region zwischen den zwei Caps - die Franzosen nennen sie „La Terre des 2 Caps“ - nur empfehlen. Man ist schnell da und die Landschaft der Strasse von Calais versprüht typisch französischen Charme. Man kann Miesmuschelfischer bei Ebbe beim Ernten beobachten und gleich frische Muscheln kaufen, kilometerweit entlang der Küste wandern, die Felder und Landschaft genießen und bei passender Vorhersage kommt man eben voll auf seine Windsurfkosten.

Weitere Spots:

Wimereux

Große Strandpromenade, funktioniert bei S bis SW für Wave und zum Wellenreiten sowie NO bis NW fürs Freeriden, bei Flut brechen die Wellen auf die Mole der Strandpromenade, sonst easy.

 

La Pointe aux Oies 

Vor Boulogne-sur-Mer gelegen und bei SW super zum Kiten oder Windsurfen, optimal bei Mid-Tide, kleiner Strand, steile Treppe zum Material runter tragen, Vorsicht: Windabdeckung wegen Klippen und Felsen im Wasser.

 

Boulogne-sur-Mer

Nächst größte Stadt, top Einkaufsmöglichkeiten und Wlan im „E.Leclerc“, riesengroßer Sandstrand bei Ebbe, wo dann auch viele Strandsegler unterwegs sind (Schule und Verleih), W bis SW, zum Windsurfen und Kiten anfängergeeignet, da kaum Welle aufgrund glatten Wassers, weil eine XXL Mole den Hafen abschirmt, stehtief, nur auf die weit entfernte Fahrrinne achten (da fahren auch größere Schiffe → Containerhafen), Toiletten am Parkplatz und in der Tourist Info.

Text / Fotos: © Nadine Lenschau